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Ausgabe 13
 

vom 27.10.2007


Der natur-reich-Brief


"In der Natur gibt es keine Armut. Armut hat der Mensch erfunden."


Inhalt:

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1. kleine Geschichte
2. Zitat des Tages
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1. kleine Geschichte
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kleine Geschichte


Es dauerte nicht lange und der Abend brach herein. Tim wurde von einer fürchterlichen Unzufriedenheit gepackt. Es war kein schöner Tag gewesen. Die Arbeit ging ihm nicht gut von der Hand. Obwohl er sich immer Mühe gab, heute wollte mal wieder überhaupt nichts gelingen. Solche Tage hasste er. Wenn er einfach nichts zusammenbrachte, es nicht "lief", er sich abrackerte und doch am Ende nichts erreicht hatte, egal ob im Beruf oder zu Hause. 

Er fiel in sein Bett und schloss die Augen, er war erledigt. Den ganzen Tag hatte er gekämpft, um gute Dinge zu tun, gute Arbeit zu machen, seinen Chef und sich selbst zufrieden und stolz zu machen, und es war doch nichts gewesen. Tim war erschöpft. 
Es gibt Zeiten im Leben, da kann man jeden Tag ungeheuer viel arbeiten und hat am nächsten Tag doch wieder neue Kraft, neuen Mut, neue Euphorie. Und es gibt Tage, da zweifelt man ernsthaft an der Sinnhaftigkeit von allem was man tut. 
"Wozu das alles", fragte sich Tim. Er bekam Geld dafür, sicher, auch wenn mal ein Tag nicht so toll lief, aber wozu war er überhaupt erst aufgestanden und auf Arbeit gewesen, wenn am Ende nichts dabei rauskam? Es nicht lief? Und privat auch nicht? 
Völlig erschöpft schlief er ein. 

Einen Tag zu kämpfen, ohne etwas zu erreichen, ist ein sinnloser Tag - so musste das wohl sein. Tim schmeckte das Frühstück nicht wirklich, er aß es aus Gewohnheit. 
Auch heute wieder würde er einen Tag lang kämpfen. Es war das gleiche wie jeden Tag. Sicher gab es Momente und Zeiten, wo Tim Erfolg hatte. Das Gefühl wirklich gut gearbeitet zu haben, viel geschafft zu haben, es selbst wert gewesen zu sein. An diesen Tagen schien sich das Kämpfen auszuzahlen, und der Kampf war manchmal mehr eine Leichtigkeit, mehr wie ein Spiel als ein Kampf. Und es war eine Genugtuung, wenn er genug getan hatte. 

In einem Kampf geht es um Gewinnen und verlieren - war es nicht so? 
Tim saß plötzlich völlig starr vor seinem Toast. Es war ihm wie ein kurzer Augenblick der Erleuchtung, ein Gedankenblitz, der da eine Millisekunde aufflackerte: "In einem Kampf geht es nicht um das Gewinnen, es geht um das Kämpfen." Doch kaum dass dieser Gedankenblitz in ihm aufflackerte und er ein ganz seltsames Gefühl hatte, war es auch schon wieder vorbei. Nur die Worte dieses Gedankens blieben in ihm hängen, das kurze Gefühl der Erkenntnis aber verflog so schnell wie der Geistesblitz verlosch. 

"Es geht um das Kämpfen, nicht um das Gewinnen". - Es fraß sich so tief in seinen Kopf, dass er diese Worte nicht gleich wieder los wurde. Er musste darüber nachdenken. Wenn es tatsächlich so war, es bei einem Kampf um das Kämpfen selbst ging, nicht um das Gewinnen, so würde sein Kampf niemals ein Ende haben. Jeden Tag würde er um eine gute Leistung kämpfen, und jeder Tag wäre ein Tag, den er verlieren oder gewinnen könnte. Es wäre noch nicht einmal wichtig, ob er ihn gewinnen würde, nein, was vielmehr wichtig wurde, war die Tatsache, dass er jeden Tag kämpfte, immer weiter. Neuer Tag, neuer Kampf. Neuer Tag, neuer Kampf. Und immer, immer weiter, unentwegt. 
Tim wurde mit einem mal bewusst, wie verrückt das alles war. Es schien auf einmal völlig belanglos, ob seine Arbeit gut oder schlecht war, es gut oder schlecht lief. Denn es gab da eine Konstante, und die gefiel ihm überhaupt nicht: Er kämpfte. 

Und so erkannte er an diesem Tag, während er auf Arbeit fuhr, dass es in seinem ganzen Leben eigentlich nie um das Gelingen ging, darum etwas zu erreichen, sondern nur darum, zu kämpfen. Er kämpfte mit sich selbst, wie er diesen Gedanken dachte, er kämpfte manchen Tag zur Arbeit zu gehen, er kämpfte um seine Freundin, um sein Aussehen, einen guten Eindruck zu machen, seine Finanzen, seine Gesundheit, usw. - Er kämpfte Zeitlebens darum, gut zu sein. 
Und wie er dies erkannte, wurde in ihm eine neue Erkenntnis geboren: "Ich kämpfe darum gut zu sein?" Wie konnte jemand, der immer zu kämpfte, gut sein? Wer kämpft, kämpft immer gegen etwas, wie konnte er, der gegen etwas kämpfte, gut sein? Er bekämpfte etwas, wie konnte das gut sein??? 
Ein Schock. Es war ein wirklicher Schock. Tim durchfuhr es durch den ganzen Körper, er, der immer versuchte das Beste zu geben, ein guter Mensch zu sein, bekämpfte schon sein ganzes Leben lang die gesamte Welt um sich herum! Er war ein Krieger, kein "guter" Mensch. Was war das für ein Wahnsinn? 

Die Arbeitszeit verging an diesem Tag schneller als sonst, und als Tim nach Hause kam, nahm er sich einen Zettel, setzte sich an den Tisch und schrieb: 
"Wo gegen bin ich alles? (= Was ich alles bekämpfe)" 
Schnell fielen ihm ein paar Dinge ein: Die Abholzung der Urwälder, die Politik, Armut, Klimazerstörung, Krankheiten. Er begann diese Dinge aufzuschreiben, und während er schrieb, schossen ihm schon die nächsten in den Kopf: Das es auf Arbeit nicht läuft, Steuergeldverschwendung, Neonazis, Irakkrieg, seinen kümmerlichen Lohn, das andere Leute Geld für Nichtstun bekommen... 
Tim schrieb weiter und mit jedem Gedanken der aufkam, entstand bereits ein neuer Gedanke und seine Liste füllte sich und füllte sich, und schon bald nahm sich Tim einen größeren Zettel. 

"Ich kämpfe gegen all diese Dinge", dachte er. "Sicher, nicht nach außen hin, aber doch in meinem Innern. Mein Leben ist ein einziger Kampf, keine Frage. Wie konnte es nur so weit kommen? Ich bin 37 Jahre alt, wie viel all dieser Jahre habe ich als Kämpfer vollbracht? 
Nein, es können nicht alle gewesen sein, ich kann mir nicht vorstellen, als 5-Jähriger gekämpft zu haben. Es begann aber sicher irgendwann in der Schulzeit. Der Kampf um bessere Noten.? Es mögen also vielleicht 25 bis 30 Jahre oder so sein. 25 Jahre meines Lebens, die ich nur mit kämpfen vollbracht habe!?! Warum?" 
Tim hatte keine Antwort. "Warum?"- fragte er sich immer wieder. "Bin ich als Krieger hier auf diese Welt gekommen? Ich, der ich Krieg immer verabscheut habe? Welch Poradox, der Krieger, der gegen den Krieg kämpft!" 

Es kamen ihm Bilder von Mönchen in den Kopf, Menschen, die vielleicht nicht kämpften. Plötzlich glaubte er zu verstehen, warum es Leute gab, die Mönch werden wollten. Ob in Asien oder Europa oder irgendwo sonst auf der Welt. Er verstand mit einem mal, warum es Leute gab, die alles akzeptierten, die nichts verurteilten - so wie den Bruder seiner Lebensgefährtin, der selbst den Irak-Krieg und Mord und Totschlag anerkannte und immer nur sagte: "Es ist ok." 
Tim war es klar, dass nicht er der friedvoll lebende gute Mensch war, der er immer gegen Krieg, gegen Leid, gegen Ausbeuterei, gegen die Reichen, usw. war, sondern dass er ein urteilender Hassmensch war. Er war genau wie all die anderen, die er nicht anerkennen konnte, diverse Politiker, ein paar Bekannte, usw.. Jeder von ihnen kämpfte seine Kämpfe auf dieser Welt, Herr Bush im Irak, Merkel bei ihrem Volk und überall in der Welt, der Nachbar mit seinem Garten - in dem es nie so wuchs wie er es wollte, der Arzt mit den Krankheiten, der Beamte mit der Papierflut, die Putzfrau mit Dreck, die Promis mit den ersten Falten. Alle kämpften sie ihr Leben und merkten es nicht. Und von all den Millionen, Milliarden Kämpfern, war er selbst, Tim Winkelmann, der größte gewesen! 
Don Quichote kam ihn in den Kopf, wie er gegen die Windmühlen kämpfte, er selbst kam sich so vor! Und ein Zitat von Schiller: "Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens". 
"Was bin ich für ein Narr", dachte Tim. 

Am Abend saß Tim vor dem Fernseher und schaute sich die Nachrichten an. Etwas war heute anders als sonst. Nein, es waren nicht die Nachrichten, die sind immer gleich. 
Es war Tim. Er erkannte in den Bildern und den Kommentaren nicht mehr die Zustände in der Welt, sondern nur noch die Zustände in den Menschen. Da gab es Umweltschützer, die für das Klima kämpften, Politiker, die für ihr Programm kämpften, streikende Bergarbeiter, die für mehr Lohn kämpften, Feuerwehrleute, die gegen Flammen kämpften, Militärs, die gegen Aufständische kämpften, Fußballer, die um den Sieg kämpften, und sogar die Wetterfrau kämpfte heute mit einem Versprecher. - Die ganze Welt befand sich im Krieg. Es war ein Kampf - überall. Nach den Nachrichten kam kurz Werbung. "Aha, um Kunden wird gekämpft, um den Absatz dieser Produkte". Dann folgte ein Krimi. "Ja klar Verbrechens-Bekämpfung". Tim schaltete den Fernseher ab. Er hatte genug gesehen. 

Diese Welt war nicht der Himmel auf Erden, es war die Hölle. Eine Kampfmaschine. Und er selbst war ein klitzekleines Teil davon, ein winziges Stück, das sich bewusst wurde, was es ist. Er bemerkte wieder eine Art Erkenntnisblitz, es schien ihm wie ein Riss in der Matrix: Er konnte kurz von außen auf sein Leben und die Welt schauen: Ein unendlicher Kampf aus unendlich vielen Einzelkämpfen von Milliarden Menschen und Maschinen. Und er war einer davon. 

"Wer waren die Gewinner, oder, wer sind die Gewinner dieses unendlichen Kampfes?", fragte er sich. Er hatte keine Antwort auf diese Frage. 
Die Antwort wurde ihm aber dennoch bewußt. Es war kein Gedanke, der da kam, aber ein Gefühl. Er selbst war Gewinner. Ja, er fühlte es, er konnte es spüren. Er selbst war Gewinner, denn er erkannte wie er war. Was er war. Ein Teil im Räderwerk der Welt, einer Kriegsmaschine, einem endlosen Kampf. Eine Erleichterung machte sich in ihm breit und eine Stimme sprach zu ihm selbst: "Schau sie Dir an, die Menschen, sie kämpfen und kämpfen, und kommen doch an kein Ziel." Und er sah sie, und er sah sich selbst, wie er die ganze Zeit gewesen war, genau so. 

Tim verblassten alle Gedanken, alle Gedanken und Stimmen. Er war müde, es war ein langer Tag gewesen. Für heute gab er seinen Kampf auf. 

 

 

2. Zitat des Tages 
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"Stehe in der Mitte des Schlachtfeldes, aber sei Du nicht der Krieger." - Krishna zu Arjuna in der Bhagavad Gita (Indien) 

 

 

 

 

Bis zur nächsten Ausgabe, 

ronny franz




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Ronny Franz
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